von Ambrose Bierce
1. Die Nacht
In einer Mittsommernacht folgte ein Farmerjunge, der etwa zehn Meilen von der Stadt Cincinnati entfernt lebte, einem Reitpfad durch einen dichten und dunklen Wald. Er hatte sich auf der Suche nach einigen ausgebrochenen Kühe verlaufen, und gegen Mitternacht war er weit von zu Hause weg und in einer Gegend, die ihm unbekannt war. Aber er war ein mutiger Kerl, und da er die grobe Richtung kannte, in der sein Heim lag, ging er ohne zu zögern durch den Wald und ließ sich von den Sternen leiten. Als er auf den Reitpfad stieß und feststellte, dass er in die richtige Richtung verlief, folgte er ihm.
Trotz der klaren Nacht war es im Wald sehr dunkel. Mehr durch seinen Tast- als durch den Gesichtssinn hielt er sich auf dem Pfad. Er konnte tatsächlich nicht leicht vom Weg abkommen; das Unterholz war zu beiden Seiten so dicht, dass es fast undurchdringlich war. Er war etwa eine Meile oder etwas mehr im Wald vorangekommen, als er plötzlich ein Licht sah, das durch Laub am Wegesrand schien. Der Anblick erschreckte ihn und sein Herz begann hörbar zu klopfen. „Das alte Breede-Haus liegt ungefähr dort“, sagte er sich. Dies muss das andere Ende des Pfades sein, über den wir es von unserer Seite aus erreichen. Huh! Was soll das Licht dort?“ Trotzdem lief er weiter. Einen Moment später trat er aus dem Wald auf eine kleine Lichtung, die von Dornengestrüpp überwuchert war. Er sah Überreste eines verfaulenden Zaunes. Einige Yards vom Weg entfernt, in der Mitte der „Rodung“, war das Haus, aus dem das Licht durch ein glasloses Fenster fiel. In dem Fenster war einmal eine Scheibe gewesen, aber diese und der Rahmen hatten schon vor langer Zeit den Wurfgeschossen nachgegeben, die abenteuerlustige Jungen abgefeuert hatten, um ihren Mut und ihre Ablehnung des Übernatürlichen zu beweisen; denn das Breede-Haus hatte den Ruf, ein Spukhaus zu sein. Das traf vielleicht nicht zu, aber selbst der größte Skeptiker konnte nicht leugnen, dass es verlassen war, was in einer ländlichen Gegend fast gleichbedeutend ist.
Während er auf das mysteriöse schwache Licht blickte, das aus dem zerbrochenen Fenster fiel, dachte er mit schlechtem Gewissen daran, dass er eigenhändig an seiner Zerstörung mitgewirkt hatte. Seine Reue war natürlich rührend, da sie zu spät kam und wirkungslos war. Er befürchtete schon fast von all den körperlosen bösen Geistern angegriffen zu werden, die er verärgert hatte, indem er dabei geholfen hatte, ihren Frieden zusammen mit den Fenstern zu zerstören. Obwohl er an allen Gliedern zitterte, wollte der störrische Junge nicht zurückweichen. In seinen Adern floss das starke und eisenreiche Blut eines mutigen Grenzpioniers. Immerhin folgte er in dritter Generation auf die Unterwerfer der Indianer. Er begann das Haus zu umrunden. Als er an der leeren Fensteröffnung vorbeikam, blickte er hinein und ihm bot sich ein seltsamer und erschreckender Anblick, – die Gestalt eines in der Mitte des Raumes sitzenden Mannes an einem Tisch, auf dem einige lose Blätter Papier lagen. Die Ellbogen waren auf den Tisch gestützt, die Hände hielten den unbedeckten Kopf. Die Finger beider Hände waren in die Haare geschoben. Das Gesicht leuchtete leichenblass im Licht einer einzelnen Kerze, die etwas seitlich stand. Die Flamme erleuchtete die eine Seite des Gesichts, die andere lag in tiefem Schatten. Die Augen des Mannes waren auf das leere Fenster gerichtet mit einer Starrheit, in der ein älterer und kühlerer Beobachter eine dunkle Vorahnung entdeckt hätte, die aber dem Jungen völlig seelenlos erschien. Er glaubte, der Mann sei tot.
Die Situation war schrecklich, aber nicht ohne Faszination. Der Junge blieb stehen, um alles zu betrachten. Er fühlte sich schwach, einer Ohnmacht nahe und zitterte; er konnte fühlen, wie das Blut ihm aus dem Gesicht wich. Er biss jedoch die Zähne aufeinander und ging entschlossen auf das Haus zu. Er hatte keinen genauen Plan – er tat es aus dem Mut des reinen Schreckens heraus. Er reckte sein weißes Gesicht nach vorn durch die beleuchtete Fensteröffnung. In diesem Moment zerriss ein schrilles Aufheulen, ein Schrei, die Stille der Nacht – der Ruf einer Schreieule. Der Mann sprang auf die Beine und riss dabei den Tisch um, wobei die Kerze verlosch. Der Junge floh Hals über Kopf.